Ein Literaturpreis hat mich hierher geweht. Schriftsteller bekommen ab und zu Literaturpreise. Davon leben sie mehr oder weniger, manchmal bekommen sie Geld und manchmal besteht die Auszeichnung darin, daß sie den Schriftsteller an einen bestimmten Ort weht. Natürlich hätte es auch ein anderer Ort sein können, einer in der Ebene oder in einer großen Stadt. Aber der Spycher Literaturpreis weht einen eben in die Schweiz. Ein paar Jahre lang darf ich, kann ich, soll ich immer wieder hierher in die Stadt Leuk und seine wunderwunderbare Rhonetal- und Walliser Alpenlandschaft kommen. So wird mir der Ort und die Landschaft im Frühling, im Sommer, im Herbst, und, wenn ich den Mut habe, auch im Winter ein bißchen vertraut. Wenn ich auch nie eine richtige Einheimische und nie «dazu gehören» werde, bleibe ich doch nicht einfach eine Durchreisende, eine Touristin, die den Namen des Ortes, in dem sie kurz ausgestiegen ist und ein Rivella getrunken hat, schnell vergessen wird.
Sturzbäche von BiIdern haben auch die entlegensten Täler und Orte auf halber Höhe der Berge und hoch oben überflutet. Vielleicht hat Arnold Zwahlen deshalb irgendwann die Kamera wieder weggepackt. Schließlich war er Uhrmacher und hat seine Zeit ablaufen gesehen. Die Zeit der dörflichen Szenerie und ihres Alltags, in dem ein Foto noch ein Ereignis war und ein Porträt eine Ehre, zu dem ein gebührender Anlaß gehörte. Wind und Licht dieser Landschaft ließ unser Fotograf sowieso lieber Rilke und den anderen Schriftstellern, die es hier noch herwehen wird. Sollen die es dann mit Worten versuchen zu sagen, was sie hier sehen, erfahren, empfangen.
Barbara Honigmann: Der Blick übers Tal. Zu Fotos von Arnold Zwahlen. Herausgegeben von Thomas Hettche. Edition Spycher 3 im Verlag von Urs Engeler, Basel / Weil am Rhein, 2007.
Barbara Honigmann, 1949 in Ost-Berlin geboren, ist die Tochter deutsch-jüdischer Emigranten, die das Dritte Reich im britischen Exil überlebten. Ab 1967 studierte sie an der Humboldt-Universität Theaterwissenschaften und arbeitete danach als Dramaturgin und Regisseurin. Seit 1976 arbeitet sie als freischaffende Schriftstellerin und Malerin. 1984 reiste sie aus der DDR und übersiedelte nach Strassburg. In ihrem Buch Roman von einem Kinde spricht sie von einem „dreifachen Todessprung ohne Netz: vom Osten in den Westen, von Deutschland nach Frankreich, und aus der Assimilation mitten in das Thora-Judentum hinein“. Barbara Honigmann ist Mitglied des PEN-Zentrums deutschsprachiger Autoren
Spycher: Literaturpreis Leuk 2005. Laudatio Iso Camartin.
Veröffentlichungen:
Roman von einem Kinde. Luchterhand Verlag, Darmstadt 1986.
Eine Liebe aus nichts. Rowohlt Berlin 1991.
Soharas Reise. Rowohlt Berlin 1996.
Am Sonntag spielt der Rabbi Fußball. Wunderhorn Verlg, Heidelberg, 1998.
Damals, dann und danach. Carl Hanser Verlag, München 1999.
Alles, alles Liebe! Roman. Carl Hanser Verlag, München 2000.
Ein Kapitel aus meinem Leben. Carl Hanser Verlag, München 2004.
Das Gesicht wiederfinden. Aufsätze und Essays, Carl Hanser Verlag, München 2006.
Der Blick übers Tal. Zu Fotos von Arnold Zwahlen. Herausgegeben von Thomas Hettche. Edition Spycher 3 im Verlag von Urs Engeler, Basel / Weil am Rhein, 2007.
Das überirdische Licht. Rückkehr nach New York, Carl Hanser Verlag, München 2008.
Preise:
1986 Aspekte Preis / Preis der Autorenstiftung
1992 Stefan-Andres-Preis
1994 Nikolaus-Born-Preis
1996 Ehrengabe der Schillerstiftung
2000 Kleist-Preis / Hörspielpreis der Kriegsblinden
2001 Jeanette-Schocken-Preis
2004 Koret Jewish Book Award / Solothurner Literaturpreis