Im vergangenen Jahr habe ich die letzten Oktobertage und den November in einem kleinen Maiensässdorf an der oberen Waldgrenze verbracht. Schäfer und Touristen waren längst ins Tal zurückgekehrt. Als der Schnee mich überraschte, war ich plötzlich von der Aussenwelt abgeschnitten. In der Einsamkeit habe ich viel geschrieben und abends zugeschaut, wie die Sonne über meinen Antennen unterging. Von weitem glichen sie einer Herde dicker, weisser Lämmer, deren Hüter ich war. Während ich auf die Schneeschmelze wartete, lernte ich, Holz zu hacken und eine wilde schwarze Ziege zu beobachten, die sich in den Bergen verirrt hatte. Ausserdem machte ich mir Gedanken über das Paradox, welches darin besteht, dass es heute nicht mehr genügt, die Dinge zu sehen, sondern deren verborgene Bedeutung sichtbar gemacht werden muss.
Meine grosszügigen Leuker Gastgeber hatten mir ein Handy geschenkt, das sich über eine Infrarotverbindung an meinen mit Solarbatterien betriebenen Laptop koppeln liess. Wenn ich dort oben, nahe den Sternen und dem ewigen Schnee, mit New York telefonierte, lief meine Unterhaltung dann über meine Lämmer?
Dieses Jahr wohne ich, solange ich noch auf eine Unterkunft im Schlossturm warte, im Dorf selbst in einem Chalet, in dem früher die Abgaben der Bewohner deponiert wurden. Da gerade Karneval ist, studiere ich die örtlichen Bräuche. Ich habe ein paar Brocken einheimischen Dialekt gelernt und dass man sich hier schon ab mittags Guten Abend wünschen muss. Ich drehe meine Runden durch die Cafés, Frau Doktor bittet mich an ihren Tisch, die Grundschullehrerin ist eine Freundin geworden, beim Einkaufen trage ich jetzt immer Bergschuhe und einen Rucksack. Man könnte mich glatt für einen Einheimischen halten.
Und doch vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht hinaufsteige und nach meinen Riesenlämmern sehe, die schweigend oberhalb des Dorfes weiden. Manchmal schaue ich sogar abends mit der Taschenlampe bei ihnen vorbei. Ich horche auf ihr Summen, auf das metallische Geräusch, das sie beim Wiederkäuen machen. Wenn das Wetter sich verschlechtert, geben sie ein fast unhörbares Knistern von sich, das die Wissenschaftler das weisse Rauschen nennen, ein Geräusch, wie man es vor dem Gewitter unter einer Hochspannungsleitung hören kann. Bei schönem Wetter dehnen sich ihre Parabolspiegel in der Sonne und man vernimmt ein unterdrücktes Blöken. Wenn der Wind bläst, der dort oben eine Geschwindigkeit von bis zu 200 km/h erreichen kann, erzittert ihr Wollpelz. Dann ähneln sie einem von einer Böe umgedrehten Regenschirm, der einen von den Tiefen des Meeres gedämpften Walgesang von sich gibt.
Daniel de Roulet: Die Antennen von Leuk. Ins Deutsche übersetzt von Maria Hoffmann-Dartevelle. In: Die Berge sind mir fremd. Texte der Spycher Preisträger, herausgegeben von Thomas Hettche. Edition Spycher 1 im Verlag von Urs Engeler, Basel / Weil am Rhein, 2005.
Daniel de Roulet, geboren 1944, war Architekt und arbeitete als Informatiker in Genf. Seit 1997 freier Schrifsteller. Er läuft Marathon und lebt in Frankreich, in Frasne-les-Meulières.
Spycher: Literaturpreis Leuk 2003. Laudatio Marion Graf.
Veröffentlichungen:
A nous deux, Ferdinand, Canevas Editeur, St-Imier 1991.
Virtuellement vôtre, Canevas Editeur, St-Imier 1993. / Mit virtuellen Grüssen. Limmat Verlag, Zürich 1997.
La vie, il y a des enfants pour ça, Canevas Editeur, St-Imier 1994.
La ligne bleue, Le Seuil, Paris 1995. / Die blaue Linie. Limmat Verlag, Zürich 1996.
Bleu Siècle, Le Seuil, Paris 1996. / Blaues Wunder. Limmat Verlag, Zürich 1999.
Double, Canevas Editeur, St-Imier 1998. / Double. Limmat Verlag, Zürich 1998.
Gris-bleu, Le Seuil, Paris 1999. / Blaugrau. Limmat Verlag, Zürich 2000.
Courir, écrire, Minizoè, 2000.
La danseuse et le chimiste, Labor et Fides, 2002 / Die Tänzerin und der Chemiker. Limmat Verlag, Zürich 2002.
Nationalité frontalière, chroniques, Métropolis, 2003.
Jules en Amérique, La Joie de Lire, 2003.
L’envol du marcheur, Labor et Fides, 2004.
Malcolm X, par tous les moyens nécessaires, Desmaret, 2004.
La nouvelle conférence de Wannsee, Le Temps des Cerises, 2004.
L’homme qui tombe, Buchet Chastel, Paris 2005.
Chronique américaine, Metropolis, 2005.
Un dimanche à la montagne, Buchet Chastel, Paris 2006./ Ein Sonntag in den Bergen. Limmat Verlag, Zürich 2006.
Kamikaze Mozart, Buchet Chastel, Paris 2007.
Preise (Auswahl):
1992 Bourse de la Commission littéraire de langue française du canton de Berne, New York
1994 Prix Dentan
1995 Babet d’Or de Lettres Frontières / Sélection Prix Renaudot
1996 Prix de Littérature Alpes-Jura / Bourse de Pro Helvetia
1999 Prix Pittard de l’Andelyn / Grand Prix de Littérature du Canton de Berne pour Résidence de Horw, 2001
2001 Fondation UBS pour la culture
2003 Bourse de Pro Helvetia
2005 Prix de la Société littéraire
www.danielderoulet.net