Augusta Raetia
Nach den Kelten kamen die Römer in dieses Tal,
Dem Flußlauf folgend. Oben im Felsenkessel
Fanden sie, wonach sie überall suchten
Mit ihrer Nase für heiße Quellen:
Thermales Glück.
Du, still entrückt
Nach Jahrhunderten, trittst auf der Stelle,
Winters in einer der Schwimmbeckenbuchten
im Hotel Sources des Alpes, von Horaz besessen.
Nach den Römern kamen die Dichter in dieses Tal.
Schnell fiel, die Schultern dampften, und wir krebsrot,
die Gipfel vor Augen, den Gemmi, gedachten
In Heilwassern badend („Dissolve frigus“),
Des Russen-Limes, erst gestern gefällt,
Roms letzter Replik.
Das Tal, von Fabrik,
Kirche und Autobahn schwer entstellt,
Ultramodern, ein Schweizer Postkartengruß,
Lag verschneit. Ich weiß noch, wir alle lachten.
Rilke lag da in Raron, Orpheus, sein Haus in Muzot.
Durs Grünbein. In: Die Berge sind mir fremd. Texte der Spycher Preisträger, herausgegeben von Thomas Hettche. Edition Spycher 1 im Verlag von Urs Engeler, Basel / Weil am Rhein, 2005.
Durs Grünbein, Dichter, Übersetzer, Essayist, 1962 in Dresden geboren, studierte 1984-1987 in Berlin Theatergeschichte. Nach Abbruch des Studiums Ausreiseantrag. In dieser Zeit beginnt Grünbein Gedichte und Prosa zu schreiben, arbeitet abwechselnd an Theatern und in Museen. Erste Veröffentlichungen in Untergrundzeitschriften. Erste Buchpublikation "Grauzone morgens" 1988, Frankfurt a.M. Nach 1989 Reisen in Europa, nach Südostasien und in die Vereinigten Staaten. Gastprofessuren an amerikanischen Universitäten. Seit 2005 Professor an der Kunstakademie Düsseldorf. Sein Werk wurde vielfach ausgezeichnet, darunter 1995 mit dem Georg-Büchner-Preis, dem Friedrich-Nietzsche-Preis 2004, dem Friedrich-Hölderlin-Preis 2005, dem Berliner Literaturpreis 2006 und dem Internationalen Pier-Paolo-Pasolini-Preis Rom 2006. Mitglied mehrerer Akademien, darunter der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung Darmstadt. Orden Pour le mérite für Wissenschaften und Künste. Seine Bücher wurden in viele Sprachen übersetzt. Zuletzt erschienen im Suhrkamp Verlag "Vom Schnee oder Descartes in Deutschland", 2003. "Porzellan. Poem vom Untergang meiner Stadt", 2005. "Gedicht und Geheimnis. Aufsätze" 2007. "Strophen für übermorgen". Gedichte, 2007. "Der Cartesische Taucher. Drei Meditationen", 2008. "Lob des Taifuns." Gedichte, 2008.
Spycher: Literaturpreis Leuk 2001. Laudatio Andrea Köhler