Was ich als Kind schon einmal gesehen, aber dann wieder vergessen haben muss, weil es solche Winter wie hier in deutschen Mittelgebirgen nicht mehr gibt, ist, wie Schnee, wattig leicht gefallen, zunächst matt daliegt und stumpf wie ein luftiges Gewebe an der Sonne, die ihn dann aber einsinken lässt und glasiert wie eine Crème brulée, und wie, wenn es kalt bleibt, aber die Sonne weiter auf diese lackierte Oberfläche trifft, deren Konturen irgendwann nicht mehr harsch und windschnittig um die Dinge stehen, sondern weich wie fast erstarrender Gips werden, der in trägen Wellen zu fliessen scheint, bis er schliesslich unter dieser karamellisierten Schicht langsam wegschmilzt, dabei eine ganz filligrane Haut zurücklassend, wie von einer gehäuteten Schlange so leicht, doch fester in der Substanz, durchsichtig und dünn wie Chitin, wie die verlassenen Panzer seltsamer Schalentiere, alpiner Garnelen, die man dann an den wenigen Stegen und tropfenden Pfeilern, die sie noch mit der Schneeschicht darunter verbinden, abbrechen kann und einen ganz kurzen Moment festhalten und befühlen, bevor die fremde Haut einem in der Hand zu nichts zerschmilzt und von den Fingern tropft, als habe man im Meer umsonst nach einem chimärenhaften Fisch gegriffen. Ein wenig bitter riecht der Schnee, frisch und bitter, und ganz leicht nach Nuessen.
Thomas Hettche: Alpine Garnelen. In: Die Berge sind mir fremd. Texte der Spycher Preisträger, herausgegeben von Thomas Hettche. Edition Spycher 1 im Verlag von Urs Engeler, Basel / Weil am Rhein, 2005.
Thomas Hettche, 1964 geboren, studierte Germanistik und Philosophie in Frankfurt/Main und lebt in Berlin. Neben schriftstellerischen immer auch essayistische Arbeiten, vor allem für die Frankfurter Allgemeine Zeitung und die Neue Zürcher Zeitung. 1995-1999 Juror des Ingeborg-Bachmann-Preises in Klagenfurt. Poetik-Dozentur 2002 an der Mainer Akademie der Wissenschaften, 2003 künstlerischer Gast des Collegium Helveticums der ETH Zürich. Thomas Hettche ist Mitglied des deutschen PEN.
Spycher: Literaturpreis Leuk 2001. Laudatio Andrea Köhler.
Veröffentlichungen
Ludwig muß sterben, Roman. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1989.
Inkubation. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1992.
Nox, Roman. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1995.
Das Sehen gehört zu den glänzenden und farbigen Dingen, Essay. Droschl Verlag, Graz 1997.
Animationen. DuMont Verlag, Köln 1999.
Null. Literarische Online-Anthologie DuMont Verlag, Kölnn 2000.
Der Fall Arbogast. DuMont Verlag, Köln 2001.
Stellungen. Vom Anfang und Ende der Pornografie. DuMont Verlag, Köln 2003.
Woraus wir gemacht sind, Roman. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2006.
Fahrtenbuch 1993–2007, Essays. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2007.
Preise
1989 Preis der Kärntner Industrie beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb
1990 Rauriser Literaturpreis / Robert Walser-Preis
1994 Ernst-Robert-Curtius-Förderpreis für Essayistik
1996 Rom-Preis der Villa Massimo
2002 Villa Aurora, Los Angeles
2005 Premio Grinzane Cavour / Inselschreiber Sylt
2006 Finalist des Deutschen Buchpreis
www.hettche.de